Am Set von Babylon Berlin – Kapitel 8: „Aus gutem Grund ist Juno rund“: Die Details

Die Augenringe sind jetzt übrigens echt. Da hat die Maske weniger Arbeit. Und dass ich mich schon gestern Abend rasiert habe, wird sofort bemerkt. Kommt nicht wieder vor. Jede Kleinigkeit fällt auf. Mal eben die Ärmel hochgekrempelt? Nach ein paar Minuten kommt jemand vom Kostüm. Guckt dich kritisch an. Und schon ist der Ärmel wieder unten. Die Haare, auf dem Weg zur Halle vom Winde verweht? Wo hast Du denn die fesche Locke auf einmal her? Schnell nochmal geglättet…Nichts entgeht den Kollegen von Maske und Kostüm. Notfalls hilft ein Blick in die Fotodatenbank.

Sind noch genügend Zigaretten in meiner Schachtel? Ich brauche Nachschub. Dafür ist das Zigaretten-Frollein zuständig, wie wir sie nennen. Sie dreht und verteilt die Zigaretten. Sowieso die Zigaretten: ich habe mich als Gelegenheitsraucher bereit erklärt, auch am Set einen der Raucher zu mimen. Was wird alles in Babylon Berlin weggeraucht! Ständig hat Gereon eine Fluppe im Mund. „Zu viel kann man wohl rauchen, doch raucht man nie genug“: so warb die Zigarettenmarke Massary in den Zwanziger Jahren. Damals explodierte der Pro-Kopf-Verbrauch von Zigaretten und auch die Kreativität bei der Vermarktung. Die Pfeife gehörte der gemütlichen Vergangenheit an. Die Zigarette passte zur Gegenwart. Tempo, Tempo, keine Zeit!  „Es geht ein Spruch von Mund zu Mund, der tut es allen Rauchern kund: Aus gutem Grund ist Juno rund“ – die Marke von Charlotte.

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Die Werbung für die Marke Juno aus der Firma Josetti. An die Berliner Firma erinnere noch die Josetti-Höfe in der Rungestraße in Mitte.

Gereon bevorzugt Overstolz. Na klar, die Marke kommt aus seiner Heimat, dem Haus Neuerburg in Köln.  Am letzten Drehtag bringe ich dann noch meine eigene Dose mit, gerade frisch über ebay eingeflogen: eine echte Overstolz-Dose! Die Herkunft weniger golden, eher braun: aus Wehrmachtsbeständen, steht auf der Beschreibung.

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Ersteigert bei Ebay. Overstolz, Gereons Marke und Zuban Dany – die gab es auch am Set und dann später bei mir zuhause.

Die Zigaretten schmecken so aber auch nicht besser. Was ich nicht berücksichtigt hatte: die erste Filterzigarette kommt erst 1934 auf den Markt. Bei den ganzen Wiederholungen würde ein Nikotinflash wohl bald bevorstehen. Daher steige ich schnell auf Kräuterzigaretten um. Schmeckt nicht, tut aber nicht weh. Übrigens: natürlich steht die Feuerwehr bereit, die ganze Zeit. Passt ganz gut zu dem historischen Schild an der Wand: „Rauchen und jeder Gebrauch von offenem Feuer ist polizeilich strengsten verboten“. Das Zelluloid könnte ja Feuer fangen, da hatte die UFA damals so richtig Angst.

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also, wer hat da mal wieder gequalmt…? In dieser Ecke sitzt Walter Weintraub alias Ronald Zehrfeld und schaut sich die Dreharbeiten an.

Drehpause: das bedeutet für viele Rückzug in die Aufenthaltsräume, vielleicht gibt es ja Nachschub vom Catering. Je länger der Dreh, desto mehr Süßes. Zucker hilft gegen Müdigkeit. Aber die Brötchen, von denen Charlotte eine Gurkenscheibe genommen hat, sehen auch verdammt lecker aus. Ich habe vorhin beim Schmieren zugesehen: Bio-Salami aus der Schorfheide, Körnerbrötchen (gab es damals schon Körnerbrötchen oder nur die gemeine Berliner Schrippe?). Aber die gehörten ja zu den Props, den Requisiten. Absolutes Tabu, da darf keiner ran. Aber irgendwann fehlt dann tatsächlich ein Brötchen. Keiner will es gewesen sein. War es vielleicht das Kerlchen? Oder doch der Beleuchter? Herr Rath, übernehmen Sie!

Ich darf mich ein bißchen umschauen und auch ein paar Fotos machen. Mal wieder Detailsuche:

Den Speiseplan hatte ich ja schon am ersten Tag studiert. Der Plan der U-Bahn ist hoffentlich auch aktuell, denn mit der U8 ist erst kurz vorher eine neue Linie eröffnet worden. Und die U5 wird erst nächstes Jahr, 1930, offiziell in Betrieb gehen.  Hinten, bei der Sitzecke mit den schweren, aber extrem gemütlichen Sofas, steht eine elegante Cognacflasche. Von der hat Walter Weintraub am Vortag probiert. Wahrscheinlich Apfelsaft. Ein paar Zigarettenkippen liegen in dem Aschenbecher, auch Teil der Requisite natürlich. Nebenan im Maskenraum steht eine Flasche Speick Köllnisch Wasser. Gab es das schon 1929? Das Unternehmen feierte da seinen ersten Geburtstag und war mit Seifen auf dem Markt. Naja, sieht auf jeden Fall alt aus. Und was muss das nur für eine Freude sein, die ganzen alten Zeitschriften und Plakate aufzutreiben und zu reproduzieren. Zum Lesen allerdings taugen sie kaum: nur der Einband ist auf alt gemacht. Innendrin liegt ein SPIEGEL.

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Das ist tatsächlich eine Drehort. Die Film-Maske. Was für eine Fundgrube. Toll, welche Details da ausgegraben werden. Erkennt ihr die Filmstars?

Was passierte ansonsten noch? Immer wieder wird das große Tor zur Halle aufgemacht. Gereon und Charlotte kommen rein. Es ist schon Abend, aber die Szene soll tagsüber spielen. Daher sind draußen große Scheinwerfer aufgebaut, die bei dem Öffnen des Tors gleißendes Licht in die Halle fallen lassen. Ach Film, die große Illusionsmaschine, die Traumfabrik! Und später geht es für uns raus auf den Gang. Frieren ist angesagt. Charlotte will den Armenier befragen, aber er will nicht. Wir schauen zu. Das ist unsere Hauptbeschäftigung in den letzten Tagen. Aber dann, Tag sechs: kurz vor Ende unserer Dreharbeiten wird es nochmal richtig spannend. Wir sollten ein Menschenleben retten. Nicht irgendeines. Es geht um die Hauptdarstellerin!

 

 

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