Am Set von Babylon Berlin – Kapitel 9: Finale…Als wir der Hauptdarstellerin das Leben retten

Inzwischen sind auch ein paar weitere Bösewichte mit am Set, die aufpassen, dass nicht noch was passiert. Denen will man nicht nachts alleine auf der Straße begegnen. In Wirklichkeit natürlich sehr sympathische Herren, wahrscheinlich rührende Familienväter. Sie können aber nicht verhindern, daß auch Vera, der Ersatz für die ermordete Betty Winter, von dem unheimlichen Phantom bedroht wird. Charlotte will ihrer alten Freundin das Leben retten und folgt ihr auf die Beleuchterstege in schwindelerregende Höhe. Sogar die Hauptdarstellerin. Also halb, denn jetzt ist auch eine Stunt-Charlotte mit von der Partie. Unser Einsatz: als wir die Hilferufe von oben hören, rennen wir unter den Beleuchtersteg. Charlotte kämpft mit dem Phantom. Charlotte fällt. In mehreren Etappen. Und in der letzten müssen wir anpacken. Denn wir sind das „Feuerwehrtuch“.

 

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Der Armenier hat Unterstützung bekommen. Ein paar dunkle Gestalten sind am Set aufgetaucht.

 

Etwa zehn Komparsen stehen bereit, Charlotte zu retten. Sie fällt….und…. Aber nein, erstmal zurück. Das muss natürlich ordentlich geprobt werden. Zunächst mit der Stuntfrau. Von einer Leiter lässt sie sich rückwärts runterfallen. Und das erste Mal geht gleich fast daneben. Kurze mahnende Ansprache an die Komparsen, die bei ihrem Fall vor Schrecken ein Schritt zurückgetreten sind. Jetzt müssen die Tänzer nach vorne, denn die wissen, wie man einen Menschen fängt. Nicht die Hände nach oben strecken, da bricht man sich höchstens das Handgelenk. Sondern von sich gestreckt nach vorne. Jetzt läuft es. Das Double geht Stufe um Stufe nach oben, bis sie fast ganz oben auf der Leiter angekommen ist. Wir sind bereit für Charlotte, guter Dinge. Jeder bemüht sich um den passenden Spruch. Jetzt endlich können wir sagen, „wir haben eine tragende Rolle“. Und wie cool ist Liv Lisa Fries. Ein Urvertrauen in unsere Fähigkeiten. Zurecht natürlich, denn was für eine Ehre ist es, die Hauptdarstellerin zu retten. Gibt es hier eigentlich eine Stuntzulage, wird kurz diskutiert. Für diese Mission hätte ich auch drauf gezahlt. Auch Liv Lisa Fries verliert in dieser auch für sie sicherlich nicht ganz alltäglichen Szene nicht den Humor, reagiert auf unsere Sprüche. Als sie dann mit gespreizten Beinen von uns waagerecht in der Luft gehalten wird und die Kamera von unten Film, kommentiert sie nur trocken: „ok, was ich an meinem Job liebe…“ Auch Charlotte steigt höher…und jetzt wird es ernst. Aber wir sind ja zehn starke Männer – und vor allem sind jetzt auch Czerwinski und Henning dabei. Mit denen kann es ja nicht schief gehen. Nur drei Takes, dann ist die Regie zufrieden. Geschafft. Großes Lob von Tom…ist ja schließlich unsere Hauptdarstellerin. Und wir sind stolze Lebensretter.

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Charlotte, vertrau uns! Wir retten Dich. ©x-filme Fréderic Batier

Der letzte Tag bricht an. Und für uns passiert…nichts. Der Tag zieht sich, aber wir kommen einfach nicht zum Einsatz. Innen in der Halle wird eine weitere Stuntszene mit Charlotte gedreht, kein Zutritt für Komparsen.

Der Tag und die Gesichter werden länger und länger. Immer häufiger Blick auf die Uhr. Ein Highlight natürlich, wenn das Extra-Catering uns etwas Neues zu essen bringt. Oder wir sogar vom Crew-Catering naschen können.

Jetzt ist es kurz vor Mitternacht. Wir diskutieren mit unserem Komparsenbetreuer, wie es weitergeht. Irgendwann fährt der letzte Zug nach Berlin und für einige von uns bedeutet das, das sie von Berlin ihren Anschluss nicht mehr bekommen. Dann geht es endlich zum Set. Aber nach einem kurzen Blick in die Monitore heißt es plötzlich „Feierabend!“. Wir werden für das letzte Bild doch nicht benötigt. Das war’s. War’s das wirklich? Kein Schampus, keine Party, nur schnell das Kostüm abgeben, die Anwesenheitszettel unterschreiben und dann zur Bahn. Die sieben Drehtage sind vorbei. Anstrengend und einmalig, trotz eines etwas unglamourösen Endes. Erstmal sacken lassen, aber ich weiß jetzt schon, dass ich davon noch lange zehren werde.

 

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Binge-Watching im Kino. Und eigentlich ist die Serie für die große Leinwand noch viel besser geeignet.

 

Abspann. Neun Monate später. Samstag vormittags vor dem Kino Delphi. Sie sind wieder da. Diesmal aber nicht als Charlotte und Gereon, sondern Liv Lisa und Volker. Und auch viele andere Schauspieler. Dazu die Crew – und die ganzen Beteiligten an der „Post“, der Postproduction. Man kennt sich. Es ist Team-Viewing. Erst kurz vorher sind die letzten Szenen abgesegnet worden und jetzt bereit, von der ganzen Babylon-Familie begutachtet zu werden. Es ist tatsächlich wie ein Familienausflug ins Kino. Die Stimmung ist knisternd, elektrisierend, euphorisch, hat doch bis auf das engste Team um Regisseure und Produzenten keiner das komplette Ergebnis gesehen. Henk, Achim und Tom bedanken sich nochmal, aber kurz, sehr kurz. Denn jetzt gilt es, zwölf Folgen Serie zu schauen…Binge Watching im Kino, was für ein tolles Erlebnis. Nach ein paar Sekunden schon bricht Jubel aus: Gereon ist das erste Mal auf der Leinwand zu sehen. Wird er seinen Fall lösen können? Wird sein Bruder sich offenbaren? Was wird aus Charlotte und Gereon, kommen die beiden sich endlich näher. Werde ich mich wiederfinden? Das weiß ich immerhin schon nach 15 Minuten. Angestrengt schiebe ich meine Tonangel. Vielleicht eine Sekunde… Gegen Mitternacht werden wir auch Antworten auf die anderen Fragen bekommen haben.

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Am 19.12. 2019 dann die große Premiere im Zoo-Palast.
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Ein bißchen Stolz sei ihm erlaubt…Tom Tykwer im Vordergrund. Einige der Hauptdarsteller hinten.

Und danach heißt es: Feiern! Die Bar Tausend, Drehort auch von Staffel 3, ist reserviert für Babylon Berlin.

Für mich geht ein Abenteuer zu Ende – was für ein Glück, ein kleiner Teil dieser besonderen Familie gewesen zu sein.

Wenn man mich heute fragt, was einer der schönsten Momente meines Lebens war: die sieben Tage mit Babylon Berlin stehen ganz oben. Staffel 4 kann kommen!

 

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